1998

Lautlose Akkorde

durchbrechen das Licht meiner Seele

                    Rhythmische Gedanken

füllen verzweifelt die Melancholie

              Und wieder

erklingt Dein Lied

von vorn

Natürlich konnte Mozart, als er 1791 gedankenlos und mit schlecht geföhntem Haar auf seiner Zauberflöte blies, nicht erahnen, dass exakt 207 Jahre später ein Gedicht auf die Menschheit zurasen würde, das selbst Papageno den Schnabel in Dreifaltigkeit gespalten hätte. Die Drei. Oh ja, die Zahlen; die heiligen Zahlen der Freimaurer, wobei wir wieder bei der magischen Zahl 207 wären. Sie verrät die Magie der Einmaligkeit dieses Ereignisses, weil 2 plus 0 plus 7 ist 9, teilbar durch DREI! Und 3 x 9 macht 27 (auch durch DREI teilbar).

27 mal erklingt das Lied von vorn. Voller Kraft, beinahe brutal (ital. brutalo), und dennoch von fast federleichter Lautlosigkeit. Bemerkenswert. Eichstädt gelingt der Spagat. Hier die immerwährende Endlosschleife des nölenden Ohrwurms (lat. quaelikus akustikus), der unsere Sinne betäubt, dort die dankbare Stille, dessen süßlicher Klang uns in wabernde Glückseligkeit lullt. Doch was hört Eichstädt mit ihren halbtauben, sich traurig herabneigenden Ohren? Hört sie? Hört sie ÜBERHAUPT? Oder ist eher der WUNSCH Vater des Gedanken, endlich den ultimativen Nr 1 Hit zu landen und mindestens drei Jahre zu halten? Wir können die Unbescheidene vor uns sehen, wie sie schlaff in der Badewanne hängt (nachdem die boulevard abgeschmackte Inspiration unter der Dusche ausblieb)! Nach dem Genuss einer ganzen Flasche „Fa-Ocean Spray“ brabbelt Eichstädt Unverständliches, enttäuschte Seifenblasen entweichen ihrem Mund. „Autumn feast“ nuschelt sie, leise, schaumig, immer die Spur eines Halbtons daneben. Angreifbar in ihrer Nacktheit. Und dennoch schamlos. Und gerade das macht sie auf wundersame Weise sympathisch.

Sympathisch. Ja, und wieder erklingt Dein Lied von vorn! Da wären wir nun noch einmal bei der Grundaussage des Gedichts und der Frage nach dem Ursprung. Wer hat es denn nun eigentlich gesungen? Ist es wirklich Eichstädt? Singt es nicht ein anderer? Aus welchem genial geprägten Sprechschlitz fiel es? Und gehen wir noch weiter in die Tiefe, führen wir das Ganze ad absurdum: In welchen, ja in welch wahnwitzigen Hirnwindungen fand es (das Lied) seine ureigene Kreation? Hier scheiden sich die Geister unter gelegentlicher Gewaltanwendung: Handelt es sich um ein physisches Phänomen, ein neuzeitliches Wunder, dass Eichstädt nach der Flasche „Fa-Ocean-Spray“ überhaupt noch piepen konnte, oder piept es am Ende gar wirklich? Bei Eichstädt. Oder ist es Papageno, der mit gespaltenem Schnabel auf dem Rand der lauwarmen Wanne hockt, die Federn wild in alle Richtungen gespreizt und der schnarchenden Eichstädt mit schriller Stimme das Lied in die sich traurig herabneigenden Ohren pfeift? Dazu sage ich nur eins: Ja, und wieder erklingt Dein Lied von vorn!